Wir brauchen Sarrazin nicht

Er hat es wieder getan. Medial wie aus dem PR-Lehrbuch inszeniert, hat das provokante SPD-Mitglied Thilo Sarrazin ein Buch geschrieben: „Europa braucht den Euro nicht“. Sarrazin behauptet darin, dass der Euro Europa destabilisiert und die gemeinsame Währung keine wesentlichen Vorteile gebracht hat. „Für unsere Exportwirtschaft brauchen wir den Euro nicht“. So genannte Schummel-Griechen, überhaupt schlampige Südeuropäer und deutsche Befürworter von Euro-Bonds bei SPD, Grünen und Linken seien getrieben „von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben“. Empörungswelle vorprogrammiert. Sarrazin im historischen Blindflug und rechtspopulistischen Abseits. Auflage rekordverdächtig.

Dass Thilo Sarrazin kaum einem ökonomischen und politischen Faktencheck standhält – Ja und? Wen interessiert’s? Ehrlich gesagt: Mich. Unerträglich, dass Sarrazin den Boden bereitet für die Rattenfänger in Deutschland, die mit einfachen Lösungen politisch punkten wollen: Griechen raus aus dem Euro! Den Euro abschaffen! Und überhaupt: Zurück zur D-Mark! Und alles wird gut.

Nein. Der bewusste Blick zurück ist immer noch richtig und wichtig: Die historischen Errungenschaften der europäischen Integration sind für Deutschland und ganz Europa ein Glücksfall. Die Staaten und Völker der EU haben sich von der Bedrohung durch aggressiven Nationalismus und Krieg befreit. Die Europäische Union steht immer noch für Frieden, Sicherheit und Solidarität, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Mit der Schaffung des europäischen Binnenmarktes und der Einführung der gemeinsamen Währung ist für die Unternehmen ein gemeinsamer Heimatmarkt entstanden, der die Wettbewerbsfähigkeit erheblich gesteigert hat. Der Euro hat in Europa Wechselkurs- und Geldwertstabilität gebracht, und die deutsche Wirtschaft hat viele Milliarden Euro gespart. Und in Zeiten der Globalisierung ist die europäische Integration für uns der beste Weg, handlungsfähig zu bleiben. Antworten auf globale Herausforderungen wie Klimawandel oder den Druck auf soziale Standards im internationalen Wettbewerb lassen sich nur gemeinsam finden. Wir brauchen Europa. Und den Euro. Hätten wir jetzt die D-Mark, würde der Kurs durch die Decke gehen und unsere Wirtschaft abwürgen.

Thilo Sarrazin bedient einen neuen Nationalismus. Der kommt jetzt im Anzug mit Schlips daher, nicht mit Springerstiefel und Bomberjacke. Er ist aber damals wie heute die Sackgasse, und nicht der Ausweg.

Deswegen brauchen wir Sarrazin und seine Bücher nicht. Deutschland braucht ein modernes, reformiertes und nachhaltiges Europa.

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